Drei Königsausflug

Nachdem wir heuer wieder nicht beim Stier teilnehmen, die Hallen-Landesmeisterschaft erst Ende Jänner startet und auch Testspiele in weiter Ferne sind, wurde die Zeit für einen Ausflug nach Südtirol genutzt. Erhitzte dieses Thema vor ein paar Jahrzehnten noch die Gemüter und man zog in den bewaffneten Kampf gegen die italienische Herrschaft, ist es heute weitestgehend ruhig um diesen schönen Fleck Europa geworden. Doch spätestens wenn man vor Ort ist, merkt man das man zwar in einem anderen Land ist, die Leute allerdings die selben sind.

Doch alles der Reihe nach. Für Donnerstag nachmittag wurde ein schlimmes Schneechaos vorhergesagt und daher startete man in Salzburg bereits um die Mittagszeit. Mit Ausnahme von Salzburg und Bayern war es wettermäßig aber recht gut und so überquerte man flott den Brenner. Erste Station sollte das Eishockeyderby zwischen HC Pustertal und HC Bozen sein. Endlich in Bruneck angekommen, begann es dann plangemäß mit dem Schneefall. Von diesem ließen wir uns und die hunderten italienischen Touristen nicht abkriegen und genossen noch das oder andere Heißgetränk am idyllischen Weihnachtsmarkt.

Bruneck liegt im Pustertal, an der Mündung der Ahr in die Rienz (nach der auch das heimische Bier benannt ist). Es ist die fünftgrößte Stadt Südtirols (15.523 Einwohner, Stand 31.12.2010) und ist den meisten wohl durch den Kapuziner-Wastl bekannt. Weiters beherbergt man mit dem HC Pustertal auch einen Top-Eishockey-Klub in der Stadt. Heute sollte in der alten Halle das Duell gegen die Rivalen aus Bozen stattfinden. Bereits Tage vor dem Spiel war die Halle ausverkauft, was normalerweise eher in den Play Offs der Fall ist. Mangels sportlicher Alternativen (Fußballmäßig gibt es in Südtirol nicht wirklich etwas) sieht man in der ganzen Stadt Hinweise auf die „Wölfe“ (Spitzname des HC Pustertal).

Bereits eine Stunde vor dem Spiel betrat man die alte Halle in Bruneck und staunte nicht schlecht. Herrscht normalerweise in Österreichs Hockeyhallen gähnende Leere, war diese bereits lang vor Anpfiff prall gefüllt. Man fühlte sich etwas in der Zeit zurückversetzt, da die Tribünen vollständig aus Stehplätzen bestanden. Eine Seite der Halle ist offen und nur mit Planen abgedeckt. Insgesamt hatte man eher den Eindruck, wie wenn in eine Scheune eine Eisfläche samt Tribünen transferiert wurde. Auf der Geraden versammelten sich die aktiven Heimfans („Wolves“), welche Trommeln, Fahnen und auch ein Megaphon ihr eigen nennen können. Die Stimmung war die ganze Zeit vorhanden, was wohl auch am guten und preiswerten Glühwein lag. Doch auch die musikalische Untermalung passte gut. Während bei uns versucht wird möglichst alternativ zu wirken, liefen hier neben Onkelz und Ballermannhits auch die Tiroler Landeshymne. Man merkt es auch in der ganzen Stadt, daß man zwar auf die italienischen Touristen angewiesen ist, man selbst aber gar nichts mit denen gemein hat. Im Radio läuft Austro Pop, „I am from Austria“ ist der Top Diskohit, man kann zwar italienisch, spricht aber durchwegs deutsch, irgendwie war es etwas seltsam.

Bei den Bozner Anhängern sah dies alles schon etwas anders aus. Bozen ist zwar die Hauptstadt von Südtirol, der italienische Anteil ist hier aber höher. So zeigten die knapp 100 Mitgereisten auch die il tricolore. Leider war von der früheren Gruppo Mele Marce nichts zu sehen. Diese alte Gruppe wurde aus dem Stadion verdrängt und zeigt sich jetzt nur mehr sporadisch in den Hallen.

Das sportliche Niveau am Eis ist eher unter der österreichischen Liga anzusehen, Spannung war aber geboten. Stimmungsmäßig war es aber überraschend. Teilweise (z.B. bei „chi non salta…“) zog die gesamte Halle mit. Mit etwa 2500 Besuchern war diese ausverkauft, dementsprechend war auch der Lärmpegel. Die Gesänge waren gemischt zwischen italienisch (meist Beschimpfungen) und deutsch. Die Gäste konnten sich nur teilweise bemerkbar machen. Die Atmosphäre machte sich auch am Eis bemerkbar und so entwickelte sich ein kampfbetontes Spiel. Die Pustertaler vergaben viele Chancen, Bozen versemmelte zudem einen Penalty. Mit 1:1 ging es in die Verlängerung, die ein paar Sekunden vor Schluß die Heimischen gewannen.

Tags darauf ging es dann aber zum Fußball, da Eishockey zwar nett ist, der grüne Rasen dann aber doch mehr Reiz aussprüht. Während viele Hopper wohl die Kombi Vicenza und Verona-Modena wählten, entschieden wir uns nur für die Stadt von Romeo und Julia. Auf der Fahrt aus dem tiefverschneiten Pustertal, kam schnell die Frage hoch ob es weiter unten nie schneit. Bereits ab Bozen wurde das weiße Vergnügen immer weniger und in Verona begrüßte uns die Sonne mit angenehmen 10 Grad plus. Schnee war hier maximal in manch Lokalitäten aufzufinden. Das Wetter lud förmlich zu einer Stadtbesichtigung ein und so war die Altstadt völlig überlaufen. Dies machte sich auch bei den Bussen bemerkbar, die in irgendwelchen Intervallen antrabten. So hatte man genügend Zeit beim Warten die verschiedenen Plakate und Aufrufe an den Wänden zu lesen. Fast ausschließlich lud die Casapound zu örtlichen Aktivitäten ein (seien es jetzt Konzerte, Demos oder einfach Pubabende). Bei uns sicherlich undenkbar, dass konservative Gruppen ungestört zu Festen aufrufen dürfen. Auch rund ums Stadion Marcantonio Bentegodi war die, nach dem amerikanischen Schriftsteller Ezrah Pound, benannte Gruppe präsent (ebenso wie die VFS). Durch die Busverspätung und den komplizierten Kartenkauf blieb aber nicht lange Zeit für genauere Betrachtungen. Eintrittskarten gab es beim Stadion, allerdings nicht bei den 4 geöffneten Kassen (die dutzenden alten Schalter waren geschlossen), sondern in Baucontainern auf der anderen Straßenseite. Bei den ersten gab es nur etwas für tesserati, bei den Containern spielte es sich daher ab. 15 Minuten vor Anpfiff standen noch immer hunderte Wartende an um sich auf den Karten ihren Namen raufdrucken zu können. Wie bekannt kommt man in die Kurven nur mit der Tessera del Tifosi rein, so entschied man sich für 22 Euro die Gerade zu beglücken. Direkt mit Anpfiff war man endlich auf seinen Plätzen.

Das Stadion war „gut“ gefüllt, die Curva Sud relativ voll (bei Hellas haben fast alle Ultras die verpönte Karte), die Curva Nord bis auf die etwa 150 Modenesi komplett leer. Hellas überzeugte durch guten Support, während die Gäste statisch herumstanden. Wie der Zufall es so wollte, platzierten sich oberhalb unserer Plätze einige Ultras, welche auch durchgehend für Stimmung sorgten. Auf Grund fehlenden Wissens rund um die Fanszene der Veronesi ist aber schwer wie diese Gruppe/Gruppen heißen. Einzig die von den Länderspielen bekannte Verona Fahne konnte zugeordnet werden.

Modena ging mit 1:0 in Führung, was die mitgereisten Gäste zum Jubeln brachte. Einige liefen auch herüber zum Zaun um sinnfrei zu posen, die angrenzenden Veronesi zeigten sich allerdings wenig beeindruckt. Am Feld vergab Hellas eine Chance nach der anderen, was das Publikum zum Verzweifeln brachte. In der Halbzeit wurden die Plätze Richtung Curva Sud getauscht und siehe da nach kurzer Zeit fielen die Unmengen an Hoppern wieder auf. Bereits beim Kartenkauf machten sie die klassischen deutschen Ultras (mit Windbreaker, Karocap…) ebenso bemerkbar wie die klassischen österreichischen ASB-Schreiberlinge in ihren Chucks und Parkas. Teilweise konnten auch noch die zuvor in Vicenza gekauften rot-weißen Schals ausgemacht werden, rasch überdeckt mit den blau-gelben Hellas Utensilien. Wenn sich in Italien auch viel verändert hat, das Phänomen der ausländischen Hopper wird wohl immer bleiben.

Curva Sud supportete in der zweiten Hälfte weiter wie bisher, auch auf der Haupttribüne konnten weitere Ultrágruppen ausgemacht werden. Scheint so, als ob es in Verona auch keine einheitliche Meinung zur Tessera gibt. Vorwürfe darf man wohl keinen machen, denn im Endeffekt wird sich jeder selbst denken, was besser für sich und seine Gruppe ist. Neben der bekannten Beflaggung der Sud konnte zudem auch eine kleine Ultras Sur Fahne ausgemacht werden.

Als sich bereits jeder mit einer Niederlage abfand, drehte Verona innerhalb von einer Minute das Spiel und gewann mit 2:1. Der Torjubel inklusive dem folgenden „Forza Verona ale“, war einfach genial und zeigt wohl auf wie es früher gewesen sein müsste.

Nach dem Spiel ging es rasch retour Richtung Bahnhof. Falls es hier jemand weniger eilig hat, kann er sich an der Straße vom Stadion zum Bahnhof noch mit den Blackies vergnügen, für die ganze speziell interessierten Reisenden.

Als Fazit kann man ruhig eine Empfehlung abgeben. Sowohl die Stimmung beim Eishockey wie auch bei Hellas war gut, man muss eben die Erwartungen in das Land der magischen Ultras etwas zurückschrauben. Speziell der Kartenkauf beim Fußball ist einfach letztklassig oder auch wieder eigen. Immerhin wurde man bei Verona nicht an irgendwelche schwindligen Bars verwiesen. Kurvenmäßig scheint es auch wieder einen Aufbruch zu geben, zumindest die „großen“ Kurven dürften die Tessera akzeptiert haben und sind nun wieder teilweise in den Stadien präsent. Bleibt aber abzuwarten ob es nach dem ersten kleinen Erfolg (die Kreditkartenfunktion der tessera wurde als rechtswidrig angesehen) einen größeren geben wird und im Land der Ultras wieder Normalität einkehren wird. Für Leute die mit Italien aufgewachsen sind und es so kennen und lieben lernten, wird es wohl bei einer Geldverschwendung bleiben.

Vecchio Stile – Ultras!

Eine sehr schöne Zusammenstellung von Fotos aus den besseren Zeiten unserer südlichen Nachbarn findet man hier:

Trottwa Ultras

Anhand der Bilder erhält man rasch einen Einblick in die Faszination der Welt der Ultras! Doch wie so vieles, ist es damit vorbei und es bleibt (vorerst) mal nur Zeit um in alten Erinnerungen zu schwelgen.